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Kann eine KI Geschichten schreiben? Ein ehrlicher Blick aus unserer Werkstatt

Wir werden das oft gefragt, meistens mit einem skeptischen Unterton: „Und das schreibt dann alles eine KI?“ Ja. Und wir verstehen die Skepsis, weil wir sie jeden Tag selbst haben.

Eine Stadt der Zukunft in der Abenddämmerung

Fangen wir mit dem an, was stimmt: Ein Sprachmodell kann in Sekunden eine Geschichte schreiben, die grammatisch sauber ist, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat und in der niemand aus der Rolle fällt. Das ist erstaunlich, und vor wenigen Jahren war es unvorstellbar. Aber „eine Geschichte“ ist nicht dasselbe wie „eine gute Geschichte“. Und schon gar nicht „deine“.

Was Studien gefunden haben

Zwei Untersuchungen aus dem Jahr 2024 beschreiben das Dilemma ziemlich genau. Anil Doshi und Oliver Hauser ließen mehrere hundert Menschen Kurzgeschichten schreiben, ein Teil davon mit Ideen aus einer KI. Das Ergebnis hat zwei Seiten. Einzelne Geschichten wurden besser bewertet, vor allem die von Menschen, die sich selbst nicht für besonders kreativ hielten. Zugleich ähnelten sich die Geschichten mit KI-Hilfe stärker untereinander. Die Vielfalt der Gruppe sank. Jeder Einzelne wurde etwas besser, alle zusammen wurden gleicher.

Tuhin Chakrabarty und Kollegen gingen noch einen Schritt weiter. Sie ließen erfahrene Autorinnen und Autoren Geschichten von Sprachmodellen und von Profis nach Kriterien für kreatives Schreiben bewerten: Originalität, Aufbau, Sprachbilder, Figuren. Die Texte der Modelle bestanden deutlich seltener. Sie waren nicht falsch. Sie waren durchschnittlich, auf eine glatte, unauffällige Art.

Fragst du ein Modell nach einem Thriller, bekommst du den Thriller. Den Mittelwert aller Thriller, die es je gelesen hat.

Was wir selbst gesehen haben

Wir können das bestätigen, mit Beispielen, die wir nicht erfunden haben. In einer frühen Version landete fast jede Geschichte, egal welches Genre, irgendwann bei einer Frist im Job. Ein Horror-Auftrag, ein Abenteuer, eine Romanze: Nach zwei Szenen stand jemand vor einem Formular. Der Grund ist banal. Das Modell versucht, Klischees zu vermeiden, und flüchtet dabei in das Unauffälligste, was es kennt: Arbeit, Termine, Bürokratie.

Ein anderes Beispiel: Ein Seil, das in derselben Szene an drei Stellen gleichzeitig hängt. Das Modell merkt sich, dass es ein Seil gibt. Es merkt sich nicht zuverlässig, wo es gerade ist. Menschen passiert das nicht, weil sie sich die Szene vorstellen. Ein Modell stellt sich nichts vor.

Warum wir trotzdem darauf bauen

Weil die Antwort nicht „KI oder nicht“ ist, sondern „wie“. Eine Geschichte, die ein Modell in einem Rutsch schreibt, ist der Durchschnitt. Eine Geschichte, die durch Regeln, Prüfungen und Handwerk muss, ist etwas anderes. Bei uns sieht das ungefähr so aus:

  • Eine Figurenbibel vor der ersten Zeile. Wer du bist, wie du redest, was du nicht tun würdest. Daran wird jede Folge gemessen.
  • Ein Plan je Folge, der das Genre trägt. Ein Horror muss Horror bleiben, auch wenn das Modell lieber ein Formular ausfüllen würde.
  • Mehrere unabhängige Prüfer, ebenfalls Modelle, die den Entwurf nicht mögen müssen. Sie prüfen Genre-Treue, Wiederholungen, ob die Figur noch du bist. Fällt der Entwurf durch, wird er überarbeitet. Manchmal mehrmals.
  • Regie und Ton. Wer spricht wann, wie lang ist die Pause, welches Geräusch liegt auf welchem Satz. Das ist Handwerk, keine Prosa.

Das macht die Texte nicht zu Literatur, und das behaupten wir auch nicht. Es macht sie zu etwas, das ein Buch nicht sein kann.

Der eigentliche Hebel

Ein Roman ist für alle geschrieben, und darum für niemanden bestimmten. Eine Hörserie, in der du die Hauptfigur bist, mit deinem Namen, deinen Eigenschaften, auch den unschmeichelhaften, kann kein Verlag der Welt drucken. Sie existiert nur, weil du sie bestellt hast, und sie existiert genau einmal. Das ist der Punkt, an dem ein Modell nicht mit Autorinnen konkurriert, sondern etwas Neues tut.

Ob das gut wird, entscheidet nicht die Technik allein. Es entscheiden die Regeln, die wir ihr geben, und die Prüfungen, die wir ihr nicht ersparen. Daran arbeiten wir. Jeden Tag, mit einer gesunden Portion Skepsis.

Quellen

  1. Doshi, A. R. & Hauser, O. P. (2024). Generative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content. Science Advances, 10(28).
  2. Chakrabarty, T., Laban, P., Agarwal, D., Muresan, S. & Wu, C.-S. (2024). Art or Artifice? Large Language Models and the False Promise of Creativity. Proceedings of the CHI Conference on Human Factors in Computing Systems.

Häufige Fragen

Kann eine KI eine ganze Geschichte schreiben?

Ja, technisch schon lange. Ob sie gut ist, hängt an den Regeln, Prüfungen und dem Handwerk drumherum. Ohne das kommt der Durchschnitt aller Geschichten heraus.

Sind KI-Geschichten kreativ?

Studien aus 2024 zeigen: Einzelne Texte werden besser bewertet, die Vielfalt insgesamt sinkt. Erfahrene Autorinnen bewerten reine Modelltexte deutlich seltener als kreativ.

Wie sorgt Hauptrolle für Qualität?

Mit einer Figurenbibel, einem Plan je Folge und mehreren unabhängigen Prüfern, die Entwürfe ablehnen können. Dazu Regie, Stimmen und Ton.

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